Wie die Zeit so schnell vergeht

veröffentlicht 15.09.2026 von tj, Ev. Johannesgemeinde Offenbach am Main

Manchmal scheint die Zeit zu rasen, in anderen Momenten sehr langsam zu vergehen, doch vergeht sie stets gleichförmig. Wir sollten sie nicht nur vergehen lassen, sondern auch sinnvoll gestalten und bewusst erleben.

Liebe Leserinnen und Leser,

als ich diese Zeilen schrieb, war gerade eine brütende Hitze. Dabei, so dachte ich, war doch eben gerade noch Ostern, und fast genauso kurz scheint mir das letzte Weihnachtsfest zurück zu liegen. Wie die Zeit doch so schnell vergeht! Kaum dass wir Weihnachten gefeiert haben, scheint es schon wieder so weit zu sein: Sicher können Sie schon Lebkuchen und Nikoläuse kaufen, wenn Sie diese Zeilen lesen.

Aber es scheint nur so. Die Zeit vergeht doch stets gleichförmig. Aber mir selbst erscheint mit zunehmendem Alter die Zeit immer schneller zu vergehen. Das ist natürlich eine Einbildung – aber ich höre das auch von anderen sehr oft. Eben noch sind die Tage zwar furchtbar heiß. Bald aber brauchen wir wieder Pulli und Jacke. Als flöge die Zeit vorbei. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass wir uns nicht mehr so sehr überraschen lassen, nicht mehr von Herzen staunen, wie es kleine Kinder tun.

In vereinzelten Momenten scheint die Zeit freilich auch sehr langsam zu vergehen – wenn wir im Wartezimmer sitzen oder auf den Bescheid vom Arzt warten oder Ähnliches. Das passiert jedoch nicht so oft. Und eigentlich sind das ja eher Ausnahmen. Im Grunde rauscht die Zeit vorbei.

Zum Thema „die Zeit verfliegt“ fallen mir Zeilen aus dem 90. Psalm ein: „[Unser Leben…] fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“, heißt es da. Und nur 2 Zeilen drunter steht: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ 

Das klingt freilich schon ein bisschen bedrohlich, ähnlich wie der finstere Gruß, den angeblich die Trappisten-Mönche einander sagen: „Memento mori“ [gedenke, dass du sterben wirst]. Doch darum geht’s im 90. Psalm nur am Rande. Vielmehr richtet der Psalm sein Augenmerk darauf, die Zeit gut zu nutzen, sinnvoll zu gestalten und bewusst zu erleben. Und vor allem: dabei in jedem Moment auf Gott zu vertrauen.

Die Zeit gut auszunutzen ist sicher nicht unser Problem. Wir sind ja ohnehin dauerbeschäftigt. Allerdings sehr anders, als es der Psalmbeter gemeint hatte. Für uns steht dauernd noch was an, haben wir noch Aufgaben zu erfüllen, Dinge zu erledigen, etwas abzuarbeiten. Geradezu rastlos. Und oft genug, wenn wir bei einer Sache sind, denken wir schon, was als Nächstes noch zu tun ist.
Wie wichtig ist eigentlich das, was wir gerade tun, wenn wir gedanklich schon beim Nächsten sind?

Dazu passt die Erzählung von einem Mönch, der gefragt wurde, wie er es schafft, immer so gesammelt an Dinge heranzugehen. Darauf antwortet er:
„Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich spreche, dann spreche ich, und wenn ich esse, dann esse ich.“ Darauf sagen die Fragesteller: „Das tun wir doch genauso!?“ Da sagt der Mönch: „Nein, wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon; wenn ihr steht, dann lauft ihr schon; wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.“

Der Psalmbeter erinnert uns daran, dass Gott uns freundlich zugewandt ist. Wir sollen uns eben die Zeit dafür nehmen, Gott in unser Leben einzubeziehen. Und dass es Gott ist, der uns gnädig ansehen möge und am Ende über „unserer Hände Werk“ entscheidet. Da fragt sich auch: Gehen wir selbst mit uns selbst freundlich um – und schauen wir selbst wertschätzend auf unserer Hände Werk? Um solche Klugheit bittet jedenfalls der Psalmbeter.

Sehr herzlich wünsche ich Ihnen, dass Sie sich genug Zeit für all Ihre Vorhaben nehmen und sich auch Zeit gönnen, um sie nicht nur vergehen zu lassen, sondern auch zu genießen. Bei einer gemütlichen Tasse Tee in einem nicht so heißen, aber hellen und farbenfrohen Herbst!

Ihr Pfarrer Thomas Jourdan