Liebe Leserinnen und Leser,
ich räume meine Lebensmittelvorräte auf – und halte schließlich ein Glas Gewürzgurken in der Hand. Mein Blick fällt auf das Mindesthaltbarkeitsdatum. Oje, abgelaufen – und zwar schon seit einem halben Jahr. Sowas Dummes. Wieso kauf ich das denn und lass‘ es dann stehen? Aber es ist ja ein „Mindest”-Haltbarkeitsdatum. Das heißt doch: Solche Lebensmittel können durchaus länger halten. Meine Großmutter pflegte zu sagen: „Einfach dran riechen, bei vielen Lebensmitteln geht das schon. Das muss nicht gleich weggeschmissen werden.”
Bei Lebensmitteln könnte das leichtsinnig sein – da ist ein bisschen Vorsicht geboten. Also öffne ich das Glas – und siehe da, sie riechen einwandfrei, die Gurken. Mal vorsichtig eine anbeißen – ja, das geht. Die aber jetzt schleunigst verbrauchen, denke ich und stelle das angebrochene Glas in den Kühlschrank. Und bitte nicht wieder vergessen!
Meine Gedanken drehen sich weiter um das Thema „Verfallsdatum”. Und ich denke: Es ist jetzt, da ich diesen Text schreibe, gerade mal drei Wochen nach Ostern. Wenn Sie das lesen, ist Ostern noch viel länger vorüber. Wie lange hält eigentlich die Osterbotschaft vor? Der große Jubel über den Sieg der Liebe über den Tod und über die Ablehnung der Welt. Hat das auch ein Verfallsdatum?
Obwohl unsere Woche ja sogar nach dem Ostertag geordnet ist: Sonntag ist der Tag der Auferstehung – drum ist er bei uns im Grunde frei, um Gottesdienst zu feiern und sich an diese Freude des Osterfestes zu erinnern – vergessen wir auch das gelegentlich. Gleichwohl gilt Gottes Zusage an jedem Tag. Die hat kein Verfallsdatum, keine beschränkte Geltung. Und sie wird wichtiger, je mehr wir in den Mühlen des Alltags feststecken – einem täglichen Druck oder auch einem als öde empfundenen Einerlei.
Und wie ist es um die Haltbarkeit all dessen bestellt, was uns Jesus beigebracht hat? Ist das abgelaufen? Sind Nächstenliebe und gegenseitige Wertschätzung vorbei? Manchmal scheint es so zu sein.
Gott setzt gerade unserer Hartherzigkeit seine Liebe entgegen. Seine Menschenkinder hatten auf all seine Gebote, auch auf das Androhen von Strafen, wenig reagiert. Und was tut Gott? Er schickt seinen Sohn, der seinen Geschwistern diese Liebe Gottes versucht beizubringen. Diesen Sohn bringen sie dann auch noch um. Und gerade dann greift Gott erneut ein: Er erweckt seinen Sohn auf – gegen unseren Verstand. Entgegen all unserer Erfahrung – die uns sagt: das ist doch unmöglich.
Gott hat mit Ostern gesagt: „Ihr seid nicht „abgelaufen” für mich. Auch wenn ihr euch gelegentlich benehmt, als wärt ihr schlecht geworden. Ich will euch dennoch.” Das ist Unsinn, sagt unsere Vernunft. Wie kann Gott so undankbare Geschöpfe haben wollen?
Doch Gott stellt unsere Vernunft auf den Kopf. Für manche Zeitgenossen ist dieses Handeln Gottes geradezu lächerlich. Ja, wir Menschen und unser Stolz, der sich so sehr auf unsere Berechnung verlässt. Gott durchkreuzt unsere kleinkrämerischen Berechnungen immer wieder. Als hätten wir nicht schon oft die Erfahrung gemacht, dass das, was wir für unmöglich hielten, dennoch geschah.
Nein, wir sind nicht verfallen, nicht abgelaufen, haben nicht etwa ein Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten. Seine Liebe zu uns ist stärker als unsere Vernunft, als unsere Angst oder unser Stolz. Und dazu passen die Zeilen eines Gedichts von Erich Fried. Die erste Strophe lautet so:
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Ganz herzlich wünsche ich Ihnen eine erfreuliche und lange vorhaltende Sommerzeit, in der Sie die Freude des Osterfestes tragen möge, wohin immer Sie ihr Fuß auch führt.
Ihr Pfarrer Thomas Jourdan